Historisches aus unserer Kirchengemeinde

Auf einem Bergsporn, der in eine Bliesschleife hineinragt, an der Mündung der Oster in die Blies, an einer Römerstraße gelegen, erhebt sich – schon von weitem sichtbar wie eine Burg (Gottes) – die evangelische Kirche von Wiebelskirchen. Der Turm mit seinem spitzen Helm und beachtlichen 46 Metern Höhe und einem Durchmesser von 6,65 Metern ist in seinem unteren Teil das älteste Bauwerk der Stadt Neunkirchen.

Das Kirchenschiff schließt sich im Westen quer zum Turm in Nord-Süd-Richtung an diesen an. Ein halbrunder Chorraum im Süden bildet den Abschluss. Das Schiff ist 20 Meter lang, 12 Meter breit und 12 Meter hoch.

Der heutige Bau wurde in den Jahren 1862/63 in neuromanischem Stil an der Stelle mehrerer Vorgänger errichtet. Gleichzeitig wurde der untere rechteckige Teil des Turmes mittels eines achteckigen Aufsatzes und eines spitzen Helmes auf seine heutige Höhe gebracht.

Wir betreten die Kirche durch das Nordportal (1). Unser Blick wird sofort von drei künstlerisch wertvoll gestalteten Buntglasfenstern im Chor gefangen (2). Diese Fenster wurden dank einer großzügigen Spende von Frau Hannelore Grieb-Heinz 1997 von dem Künstler Ferdinand Selgrad geschaffen. Im Abschlussband über dem Chorraum stand bis 1965 „Ich bin die Wahrheit”. Diese Botschaft Jesu wurde zum Thema der drei Fenster: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.” Über uns (1), über dem Eingang steht die Orgel. Der Orgelbauer Beckerath entschloss sich 1965 Teile der alten Stummschen Orgel von 1868 in die neue zu übernehmen.

In der rechten Wand des Kirchensaales sehen wir ein mittelalterliches Türgewand (3), das nur halb aus dem Boden ragt, des Weiteren ein Taufzimmer (4) mit einem so genannten Eselsrücken. Hier haben wir den Eingang zum Taufzimmer. Auf der Gegenseite, der Ostwand des Saales (5), sehen wir zwei Türen, die in den Turm und die darin befindliche Sakristei führen. Neben den beiden Türen zwei gotische Nischen, die sich bei näherem Hinsehen als ehemalige Fenster zu erkennen geben. Diese beiden Öffnungen wurden erst 1960/61 bei Renovierungsarbeiten entdeckt. In der rechten kann man noch Reste einer Bemalung aus den 15. Jahrhundert sehen. Zunächst glaubte man, in den Nischen den Standplatz für Heiligenfiguren (bis 1575 war es eine katholische Kirche) gefunden zu haben.

Hier sind wir an dem Punkt angelangt, an dem wir auf den Vorgängerbau bzw. die Vorgangerbauten der heutigen Kirche eingehen müssen. Im Jahre 1369 wird erstmals eine Kapelle im Dorf erwähnt. Die Pfarrkirche steht zu der Zeit immer noch auf dem Kirchberg (A). Zur besseren Sicht steigen wir zur rechten Empore hoch, mit Blick auf die Ostwand des Kirchenschiffes (5). Hier können wir die wechselvolle Baugeschichte unserer Kirche(n) erkennen.

An der Wand, am Turm zeichnen sich First und Dachschräge der Kirche von 1732 ab. Dieser Bau war nur wenig breiter als der Turm und genau so breit wie das im selben Jahr erwähnte Schulhaus (6), heute Haus an der Kirche. Der Saal, zwischen Turm und Schulhaus gelegen, war 12 Meter lang. An derselben Stelle sehen wir, etwas tiefer gelegen, eine(n) weitere(n) First/Dachschräge eines noch älteren Kirchenbaues. Auch fällt uns eine zugemauerte Tür auf, die einst in den Turm führte und nur mittels einer Leiter erreichbar war.

Die Erbauung dieser Kirche dürfen wir mit dem Bau des Turmes, etwa Mitte des 15. Jahrhunderts gleichsetzen, Jetzt wird klar, was es mit den beiden oben erwähnten Nischen auf sich hat, die sich bei näherem Hinsehen als Fenster erweisen, nämlich ein noch älterer Bau (aus dem 13. oder l4 Jahrhundert, dass es 1369 erwähnte Kapelle war, liegt nahe). an den dann der Turm angebaut wurde und so die beiden Fenster zugebaut und fortan als Nischen genutzt wurden.

Als Beweis mag uns das am Turm verwendete Steinmaterial dienen. Der Giebel dieses Baus (Kirche oder Kapelle?) ist aus kleineren, unregelmäßigen Bruchsteinen erstellt, auf die dann der Turm aus schönen großen Quadern mit Zangenloch an- bzw. aufgebaut wurde Auch ergibt die halb im Boden stehende Tür (3)jetzt einen Sinn. Sie war der Eingang zu dieser Kirche, die geostet war und deren Chor da stand, wo sich jetzt der Turm erhebt. Der Turm wurde als sogenannter Chorturm errichtet und hatte unten als Altarraum ein Gewölbe. An den drei Seiten des Turmes sehen wir von außen Stützgewölbe (7) und starke vorspringende Eckpfeiler, um den Druck des Gewölbes und des aufgehenden Mauerwerkes aufzufangen. Das Chorgewölbe und die vermauerte Fluchttür lassen den Schluss zu, dass wir es mit einer Flucht- oder Wehrkirche zu tun haben. Im Renovierungsprotokoll von 1732 wird ein Mauerbering um die Kirche erwähnt (B). Irgendwann wurde an der Nordseite des Turmes eine gotische Kapelle angebaut (nicht identisch mit der 1369 erwähnten), die 1830 abgetragen wurde.

Unmittelbar bei der Kirche steht das 1820 im Stile des Landbarock erbaute Pfarrhaus. Hier wohnte, wirkte und starb Dr. Friedrich Wilhelm Pustkuchen, Pfarrer, Arzt und Schriftsteller.

Im Dachstuhl der Kirche, erreichbar durch den Turm, ist ein wirklich sehenswertes Heimatmuseum untergebracht.

Unsere Kirche wartet wohl noch mit einigen Überraschungen auf, steht sie doch auf einer ca. 3 Meter hohen Auffüllschicht (Kulturhügel, eventuell römisch).

Wiebelskirchen, im Jahre 2008
Norbert Hell
(A) Wiebelskirchen, Ein Heimatbuch 1955, S. 285
(B) Wiebelskircher Geschichten, Band II, S. 75